Nachbericht zur Podiumsdiskussion Sterbehilfe

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Schleswig-Holsteinische Rechtsanwaltskammer. Wie wollen wir leben? Darüber nachzudenken, bedeutet auch danach zu fragen, wann und wie wir sterben möchten. Selbstbestimmung ist ein im Grundgesetz verankertes Recht. Doch das Gesetz, das seit 2015 die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“ unter Strafe stellt, kollidiert mit dem Recht auf Autonomie über das Leben und dessen Ende. Sterbehilfe wird als „geschäftsmäßig“ bezeichnet, wenn sie auf Wiederholung angelegt ist. Was das aber für die Praxis bedeutet, bleibt vage. Geraten nun Ärzte ins Visier der Justiz? Darüber wurde am 17.11.2016 auf der Podiumsdiskussion der Schleswig-Holsteinischen Rechtsanwaltskammer im Kieler Landtag rege debattiert.

Nach Prof. Dr. Jochen Taupitz stehen gerade Palliativ- und Hospizmediziner mit einem Bein im Gefängnis. „Die Kollateralschäden des Gesetzes sind furchtbar“, so der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. „Welcher Patient wird sich vertrauensvoll an den Arzt wenden, wenn er weiß, dass er ihn in arge Nöte bringen kann? Ein sterbenskranker Mensch wird sich in dieser Situation vor den Zug werfen“. Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Medizinrecht an den Universitäten Heidelberg und Mannheim spricht gar von einer „Katastrophe für die Suizidprävention“. Der Paragraf 217 Strafgesetzbuch eröffne einen Korridor, in dem die Grenzen der Selbst- und Fremdbestimmung schwer zu interpretieren sind. Die Entscheidung zwischen Leben und Tod gerate zu einem Gewissenskonflikt für alle Beteiligten.

Der Internist und Mitbegründer des Vivantes Hospiz in Berlin Dr. Michael de Ridder bestätigt das: „Das Gesetz schafft eine erhebliche Verunsicherung für die Ärzteschaft“. De Ridder respektiert den Wunsch, dass sich Menschen in aussichtslosen Situationen helfen lassen wollen. Seine Hilfe sei nicht nur gerechtfertigt, sondern auch geboten. „Um das zu tun, muss ich als Arzt mental und existentiell jedoch davon überzeugt sein“, sagt de Ridder. Nur wenn ein sehr enges Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem Patienten bestehe, der Sterbenskranke einwilligungsfähig sei und wenn er die Situation mit ihm ausgiebig erörtert habe, sei er zur Suizidassistenz bereit. „Ohne Dialog gibt es keine Selbstbestimmung“, so de Ridder.

Dr. Thomas Sitte behandelt viele kranke Menschen, die den Tod erleben und daher mit möglichst wenigen Medikamenten versorgt werden möchten. „Im Einzelfall bin ich bereit, zu helfen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Palliativstiftung. Doch um ein Leiden zu lindern, sei die Verkürzung des Lebens nicht immer zwingend notwendig. „Ich frage meine Patienten immer: Was können Sie nicht mehr aushalten? Wegen Schmerzen muss niemand sterben. Leiden kann man behandeln und damit oft auch Leben verlängern“. Dieses Wissen vermisst der Palliativmediziner in den Medien. Hospiz-palliatives Denken sei im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert genug. Sitte fordert mehr Öffentlichkeitsarbeit.

Der BILD-Reporter Albert Link ist zwar dafür, in ganz engen Grenzen beim Sterben nachzuhelfen, erinnert aber an die eigentliche Absicht des Paragrafen 217 – Hilfe zum Sterben solle nicht zu einer normalen Situation werden. Der frühere Vatikan-Korrespondent wirft die Frage auf, was das Angebot bei Betroffenen bewirke. „Der Tod aus den Gelben Seiten kann auf alte Menschen Druck ausüben. Sie möchten sterben, um nicht zur Last zu fallen. Der Gesetzgeber ist in der Pflicht, das zu verhindern“, mahnt Link. Es gehe darum, beim Sterben, nicht beim Töten zu helfen.

Prof. Dr. Jochen Taupitz fordert, dass nicht die Beihilfe zur Selbsttötung, sondern die Anstiftung zum Suizid strafbar sein sollte. „Absolute Rechtsklarheit im Hinblick auf Suizidassistenz in der Praxis wird es in der Zukunft nicht geben“, so der Jurist. Sterbehilfe bleibt eine Grauzone und ein innerer Konflikt für alle Beteiligten.

Redaktion: www.azetpr.com

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